Zur Frage der Ethnizität und Identität der Montenegriner in Geschichte und Gegenwart

Hans-Michael Miedlig

Abstract


Der Aufsatz klärt die Quellen der Identität der südslawisch-orthodoxen Montenegriner, also der Mehrheitsbevölkerung des heutigen Montenegro, die hinsichtlich ihrer ethnischen bzw. nationalen Selbstzuschreibung – auch als Folge nationalistischer Manipulation – zutiefst gespalten sind. Dabei wird gleichzeitig der Frage nachgegangen, ob eine ethnische Einordnung dieser Volksgruppe in Abgrenzung zu den Serben im Osten (beiderseits der Morava) überhaupt möglich und sinnvoll ist. Es geht um die Analyse des ethnischen bzw. nationalen Selbstverständnisses anhand der von der Forschung gerade auch für Südosteuropa als typisch herausgearbeiteten Kriterien wie Sprache, Glaube und Abstammung. Die Untersuchung zeigt, dass eine eigene „montenegrinische Sprache“ als Mittel der ethnischen bzw. nationalen Identifikation in der Vergangenheit keine Rolle spielte und in der „Moderne“, also nach Überwindung der Stammesgesellschaft in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, selbst nach Erreichung der nationalen Selbständigkeit bis heute als nationalistisches Mobilisierungsinstrument wenig taugt. Dies liegt an der mit dem serbischen Sprachstandard identischen Sprachstruktur, wobei nur lokale (dialektale) Unterschiede divergieren. Bei den beiden anderen Punkten stellt sich die Situation ähnlich, allerdings komplexer, dar. Konfession und Religiosität spielten in der montenegrinischen Stammesgesellschaft kaum eine Rolle, auch später lässt sich zunächst nicht nachweisen, dass eine eigene montenegrinische Nationalkirche in Abgrenzung vom serbischen Patriarchat Wunsch und Ziel sowohl der montenegrinischen Herrscher als auch der Bevölkerung war. Bis 1903/05 hat kein einheimischer Fürst die Autokephalie für die Diözese Cetinje (montenegrinischer Metropolitansitz) erstrebt, obwohl eine solche Stellung der Metropolie für Montenegro vom Konstantinopler Patriarchat zugestanden wurde. Erst Fürst Nikola I. betrieb dies, allerdings einseitig und keineswegs von allen Montenegrinern akzeptiert, im Rahmen seiner national-montenegrinischen Machtpolitik. Selbst 1993 setzte nur ein nationalistisch mobilisierter kleiner Teil der montenegrinischen Bevölkerung in öffentlicher Versammlung die erneute Einführung der 1920 abgeschafften Autokephalie fest. Eine staatliche Bestätigung dieses kanonisch unwirksamen Akts erfolgte nicht. So scheint auch die Kirche als „Baustein“ für die massenwirksame Etablierung und Absicherung einer eigenen nichtserbisch definierten montenegrinischen Ethnizität, jedenfalls bisher, wenig geeignet. Als ebenso problematisch haben sich die bisherigen Versuche der nationalistischen Eliten erwiesen, Ethnogenese bzw. Abstammung der südslawisch-orthodoxen Montenegriner in strikter Trennung von den serbischen Nachbarn herzuleiten und daraus ein eigenes montenegrinisches „Ethnos“ zu konstruieren. Letzteres erscheint in der Selbstzuschreibung der orthodoxen Montenegriner heute vielfach gebrochen, wobei ein serbisches ethnisches Bewusstsein nach wie vor deutlich zutage tritt. Die vom Ethnonationalismus zerrissene Gesellschaft verhindert bislang die Formierung staatsbürgerlicher, also über dem Ethnischen und Nationalen angesiedelter Orientierungen, die Stabilität vermitteln könnten.

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